Ein Plädoyer für eine lange Zeit von Th.Brendel

Wie steh ich denn dann da?

Angenommen ein
Anti- Gewalt- Projekt dauert ungefähr sechs Monate und für zehn Teilnehmer
stehen pro Woche ungefähr drei Stunden mit zwei TrainerInnen zur Verfügung, die
ungefähr 6000.- Euro kosten.
Angenommenein
durchschnittlicher Jugendlicher wird pro Tag sowohl multimedial als auch in der
Familie und im weiteren sozialen Umfeld zusammengenommen ungefähr vier
Stunden auf allen Sinnesebenen mit Gewalt in all ihren verschiedenen
Erscheinungsformen konfrontiert.
Dann stehen pro Tag pro Teilnehmer ungefähr fünf Minuten Training gegen vier
Stunden oder, anders gerechnet, drei Euro pro Person und Tag gegenüber den
unvorstellbaren Investitionen der Gegenseite.
Angesichts dieser Zahlen ist es sicher erlaubt zu fragen:
Aus welchem Grund haben PädagogInnen und andere SozialarbeiterInnen so viel
Freude an den Kurzzeit- Projekten?
Lerntheorien, Entwicklungspsychologie, Neurobiologie und deren aktueller
Forschungsstand sind bekannt.
Gibt es einen Grund, weshalb trotzdem den Schnell- Wirk- Kurz- Projekten und ihren
nicht selten gut dotierten VertreterInnen so oft Glauben geschenkt wird? (eigentlich
wider besseren Wissens, oder?)
Haltung kann nicht in „Projekten“ entwickelt werden, Verhalten ist auf beiden Seiten
genau zu betrachten und auf sein Gewaltpotential zu untersuchen, Eltern und andere
ErzieherInnen müssen einbezogen werden, das Kollegium muß nach innen und
aussen zusammenhalten, nicht Tarifrecht sondern Menschenrecht muß im
Vordergrund stehen, das wohlformulierte Leitbild darf nicht nur an der Wand hängen
und Konsequentsein darf weder zum Machtinstrument psychisch instabiler
Amtspersonen verkommen noch von sozialromantischen DuzerInnen als autoritär
abqualifiziert werden.
Vielleicht sind die kurzen Projekte so beliebt, weil sie nicht wirklich Veränderung
bringen und nur beruhigen, ohne dass Engagement und Risikobereitschaft gefordert
sind.
Vielleicht ist das alles auch gar nicht so ernst gemeint mit unserem Wunsch nach
mündigen, selbstbewussten und kritischen SchülerInnen, die in Verhalten und
Haltung klar und mutig Position beziehen.
Stellen wir uns nur mal vor, was wir selbst alles tun müssten um so ans uns zu
arbeiten, dass wir mündig, selbstbewusst und kritisch in Verhalten und Haltung uns
mutig aufrichten und Nein sagen.
Ob da wohl fünf Minuten Training und drei Euro Investition pro Tag ausreichen um
sich gegen Corpsgeist, Verwaltung, Politik, Eltern, Mainstream, soziale Schläfrigkeit,
Medien und nicht zuletzt die eigene Bequemlichkeit wehren zu können?
Das geht nicht gut!
Das wissen wir von den vielen, die es schon mal versucht haben anders zu denken,
anders zu handeln. Denen ist es schlecht ergangen, sie wurden gequält, gemobbt,
isoliert, verdächtigt, bedroht, verstoßen, krank oder im günstigsten Fall nicht
verstanden.
Und das wissen die Jugendlichen auch!
Die sagens dann klipp und eindeutig:
Ich soll aussteigen?
Wie stehe ich denn dann da?
Lebensfreundliche Haltung inmitten denkbar lebensunfreundlicher Umgebung zu
entwickeln
braucht Visionen, Phantasie, Engagement, Kraft und Mut.
Aber vor allem Zeit!