Einst war ich dermaßen durcheinander-verlor leicht den Überblick und fühlte mich so unendlich einsam.Es war schließlich so schlimm, dass meine Therapeutin auch nicht mehr weiter wußte.
„Bei Ihnen wird sich nur dann was ändern“, sagte sie „wenn Sie sich endlich mal selbstständig auf die Suche machen nach sich selbst, nach Ihrem ich, ja nach Ihrem inneren Kind.
Lernen Sie sich zu akzeptieren, wie Sie sind- dann werden Sie sich lieben können, sich annehmen“
„Es wird schwer werden, harte und schmerzvolle Arbeit wird es- aber unter diesen vielen Schalen wartet Ihr ganz persönlicher Schatz auf Sie. Tragen Sie Ihre Mauern ab, achtsam und ganz im Jetzt und Sie werden Ihr Glück finden“ sagte sie noch und ich dachte so- Okeee dachte ich- und machte mich an die Arbeit.
Fortan wurde „da muß ich noch dran arbeiten“ mein geflügeltes Wort und ich belegte Kurse (lectures !) in Bildhauerei, NLP, Yoga. Meditation und solchen Sachen.
Das war der Weg und der war mir sowas von klar! Erst verirren, dann sich suchen, dann sich finden, dann sich richtig anfühlen wie ich bin und dann sich lieben können.„Mit sich selbst im Reinen sein“- so heißt es und das war ich.
Wahrlich, das war ich!
Ich war tüchtig, machte alles richtig und wurde mir wichtig.
Tja- und dann zog dieser alte Herr in die Wohnung über mir.
Die Mieter teilten sich ein kleine Stück Garten hinter dem Haus, ein Fleckchen Rasen, Blumenbeete und Beerensträucher wurden gemeinsam gepflegt und genutzt.
Eines Abends- ich saß auf meinem Zafu und konzentrierte mich auf die Stelle zwischen Nasenwurzel und Oberlippe- trat der neue Mitbewohner an den niedrigen Gartenzaun.
Er betrachtete die Maiglöckchen, die ich um meinen Meditationsplatz gepflanzt hatte und sprach sanft:
„Sie werden nicht größer,wenn Sie da sitzen und trunken von Ihrer Innenschau dem Müßiggang fröhnen.“
Er schüttelte den Kopf und fügte dazu:“Zeitverschwendung- was für eine Zeitverschwendung.“
Wie vom Donner gerührt blicke ich zu ihm auf.
Glaubte der Alte tatsächlich, ich übe mich im Zazen, damit sich die Maiglöckchen besser entwickeln?
Besoffen von Innenschau (oder sagte er Innenshow?) und Zeitverschwendung???
Mein erster Impuls war Empörung. Was bildet sich der Rentner eigentlich ein?
Aber nach langer Übung und damit verbundener Bewußtseinserweiterung war ich großmütig geworden. Durch atmen „Sitzen wie ein Berg“ war ich schließlich gefeit gegen Eitelkeit und jedwede Egospielchen!
Milde lächelte ich und antwortete gelassen und heiter:
„Sagen Sie mir , werter Herr- glauben Sie ernsthaft, ich könnte die Maiglöckchen mit Versenkungsübungen und Sutren beeinflussen?“
„Ach so- das können Sie nicht? Was wollen Sie denn dann erreichen mit Ihrer Sitzerei?“ fragte er zurück- und dann hörte ich fassungslos: „ Ich sagte vorhin „Sie werden nicht größer“! – und mit Sie waren Sie gemeint, Sie, junger Mann!. Nicht die Maiglöckchen! Wachen Sie auf, Junger Mann!““
Seine Worte klangen wie 1000 Blitze und mitten im Shikantaza stockte mir der Atem.
Meine Buddhanatur rang nach Luft und ich sank in Zeitlupe seitwärts vom Zafu.
Es dauerte gefühlt eine Ewigkeit und ich landete schließlich auf meiner rechten Schulter.
Da blieb ich liegen- in der gleichen Haltung wie im Lotussitz vorher, und ich dachte so bei mir:“Scheiße, jetzt sind die Maiglöckchen platt“
Dann wurde ich ohnmächtig.
Als ich wieder zu mir kam war ich umringt von einem Dutzend tanzender Mönche.
Sie streckten mir ihre Zungen raus, drehten mir Nasen und unterbrochen von spöttischen Gekicher sangen sie:
„Triffst du Buddha unterwegs, dann töte ihn“. Immer wieder- mal im Chor, dann wieder als Kanon oder auch a capella ohne Text.
„Triffst du Buddha unterwegs, dann töte ihn“.
„Triffst du Buddha unterwegs, dann töte ihn“
Dumdi dumdi dumdidum, di dideldi.
Mein Gott, ich kannte den Text und trotzdem habe ich ihn niemals so gehört- so verstanden, so erfahren, so gefühlt!
Unterwegs sein, den Weg gehen, den Weg zum höchsten Ziel schreiten (nicht nur einfach gehen wie man zur Post geht!)-
das ist es! Schritt für Schritt! Achtsam, gelassen, so richtig wuweimäßig, im Sein sein!
Kihin- oh yeah! Genauso habe ich mein Selbst gepflegt.
Nach der großen Verwirrung endlich zu mir gefunden, mich lieben gelernt und auf dem Weg der Selbstoptimierung zur Buddhanatur geworden- ja, ich hab alles richtig gemacht!
Und jetzt auf einmal, nach harter Arbeit hin zum Licht, erhellt, erleuchtet, erlöst soll ich die Kerze auspusten????
„Dann töte ihn!“
Ich habe 7 Jahre, 7 Monate, 7 Wochen, 7 Tage, 7 Stunden/Minuten und Sekunden alles getan um zu wachsen, zu werden und im Sosein zu sein und bin zum Bodisatvah geworden.
Was heißt das denn nun? Wo ist unterwegs? Am Wegrand, auf der Raststätte, bei der Grenzkontrolle oder auf dem Bahnhofsklo?
Vielleicht auch im Bus nach Herne oder bei der Innenschau?
Genau- bei der Innenschau!
Ich selbst bin Buddha, Teil einer Allmacht, aufgegangen in der Sangha- ganz oben und friedfröhlich.
Das heißt doch aber…………..am Ende heißt das doch, dass ich mich selbst töten soll!
Echt jetzt?
Da haste echt geastet, gelitten und gesessen, warst ein Suchender, ein Pfad-Beschreitender, entfaltet zum höchsten Wesen und jetzt, nachdem du erleuchtet bist sagt dir ein alter Mann, dass du es selbst bist, dem du unterwegs begegnest?
Ich mußte den Alten treffen . Ich mußte unbedingt herausfinden, was er genau meinte.
Als ich an der Wohnung über mir klingeln wollte, gab es da keine Klingel
Es gab auch keine Treppe, kein Haus keinen Garten, keine Maiglöckchen und kein Zafu.
Von der ganzen Geschichte gab es überhaupt nichts- auch keinen Psychologen, keinen alten Herrn und auch keinen Mönchschor.
Am Ende gibt es mich auch gar nicht, mein Selbst, mein Licht, mein ganzes Sein???
Aufgeweckt von einer Stimme direkt über mir öffnete ich die Augen.
„Minden Hauptbahnhof- wir bitten alle Fahrgäste auszusteigen“
Ein älterer Schaffner beugte sich über mich.
„Wachen Sie auf, junger Mann!“
Ich war tatsächlich eingenickt.