Herzlichen Glückwunsch zu diesem inhaltsreichen Thema und danke für ihre Ideen und die Organisation dazu.

Sehr geehrte Zuhörerinnen und Zuhörer,

als Kind und Jugendlicher war ich fasziniert von Ästen im Wald, die als Stock dienen konnten: Sie gaben Halt auf rutschigem oder abschüssigem Weg und man konnte damit Brennnesseln oder stachelige Brombeer-/Himbeerranken zur Seite schlagen.

Der Stab sollte schon möglichst gradlinig sein; aber das Griffstück durfte gerne eine natürlich gewachsene Abwinkelung und knorrig verlaufende Fasern aufweisen. Ja, das beeindruckte mich!

Wenngleich ich selbst von meinen Eltern und Lehrern nie zu erzieherischen Zwecken mit einem Stock geschlagen worden bin, so hörte ich doch von den Großeltern oder meinem Onkel auch davon, wie früher nicht nur zu Hause sondern ebenso in der Schule mit dem Stock auf „un-gezogene“ Kinder geschlagen wurde.

Inzwischen bin ich in einem Alter und einem Gesundheitszustand angelangt, da das Gehen am Stock eine Hilfe und Entlastung darstellt.

Oh Stock, du dialektisches „Wesen“!

Du lebst zwar nicht (mehr), aber du hast gelebt und bist in den (Un-)Bilden der Natur ausgeformt worden.

Und nun?

Als Baseball-Schläger, Kantholz oder herumliegender Ast benutzt man dich auch mal schnell als Waffe, als schadbringendes Utensil, als gewalt-unterstützendes Werkzeug, das Unheil anrichten kann.

Der Vorsatz für diesen Missbrauch ist aber nicht in dir selbst grundgelegt sondern in der Aggression des Benutzers. Welch dunkle Seite!

Wesentlich häufiger hingegen dienst du als Stütze, zur Aufrichtung und zum Schutz!

Dem alternden Menschen oder Bewegungseingeschränkten stellst du das 3. Bein dar, welches Halt und Absicherung gibt. Dem Blinden flüsterst du ein, was ihm da in den Weg kommt. Dem neugierigen Kind bist du das Hilfsmittel, mit dem es aus vorsichtiger Distanz Gestrüpp oder Unrat beiseiteschieben kann, um Darunterliegendes zu ent-decken.

Wahrlich: Stock sei Dank!

Als Psychiater und Psychotherapeut faszinieren mich an dir deine Ast-Abgänge, deine Verwachsungen und knorrigen Faserverläufe!

Nicht alles im Leben ist gerade und glatt: die Unbilden des Wetters, der Umgebung, des Windes, der Luft und das Anritzen oder die Einschläge des Menschen (auch Schadwirkungen durch Tiere, Vögel, Insekten, Pilze, Bakterien, Viren) haben dich geformt, vernarbt und gestaltet.

Dennoch oder gerade deshalb: Welch Kraft oder Stabilität steckt in dir! Dein Sinnbild kann uns Menschen helfen, nicht nur jammernd und voller Selbstmitleid auf uns zu schauen. Verletzungen, widerborstige Einwirkungen und eigene knorrige Fasern machen die besondere Einzigartigkeit aus!

Und schließlich: Entstanden bist du Stock aus einem lebendigen Baum!

Bäume – so sagt man – kommunizieren mit ihren Artgenossen und ihrer Umgebung (wenigstens über die Wurzeln); sie nehmen lange am Leben teil!

O Mensch, nimm dir solch Holz zur Hilfe und spüre dieses Leben nach!

 

Sehr geehrte Tagungsteilnehmer, ich wünsche Ihnen konstruktive und hilfreiche Wahrnehmung, Diskussion und Erfahrung durch diese lobenswerte Tagung.

Dr. med. Josef J. Leßmann                                                                                                                    Ehemaliger ärztlicher Direktor der LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt

 

„Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht“, heißt es im 23. Psalm. Was der
Gläubige hier von Gott als seinem Hirten erhofft, nämlich Stütze und Halt im Leben,
ist für viele Menschen durch die Geschichte auch im ganz buchstäblichen,
physischen Sinn eine Notwendigkeit geworden, nämlich ein Stock und Stab, auf den
er sich in bei Schwäche und Gebrechlichkeit stützen kann.

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